In der Schweiz wird das Thema Wohnraumknappheit seit Jahrzehnten als strukturelles Problem diskutiert – doch die letzten Jahre haben gezeigt, dass die Lösungsansätze oft zu langsam oder zu fragmentiert sind. Die Stadt Zürich, wo rund 1,4 Millionen Menschen leben, zeigt dabei eine der dynamischsten Entwicklungen. Hier wird nicht nur über mehr Wohnungen diskutiert, sondern über radikal neue Konzepte, die traditionelle Bauweisen infrage stellen. Ein zentraler Hebel ist dabei die Flexibilisierung von Gebäudenutzungen, etwa durch die Umwandlung von Büros oder Lagerflächen in Wohnraum. Laut dem kantonalen Bauamt wurden in den vergangenen fünf Jahren in Zürich rund 15 Prozent mehr Wohnungen durch Umnutzung geschaffen als durch reine Neubauten. Gleichzeitig wird die Debatte um die Ausdehnung der Stadtgrenzen immer lauter – doch die politischen Blockaden bleiben bestehen. Die Frage ist nicht mehr, ob wir mehr Wohnungen brauchen, sondern wie wir sie so gestalten, dass sie wirklich lebenswert werden.
Von Büros zu Wohnungen: Die Umnutzung als Game-Changer
Ein konkretes Beispiel für diese Entwicklung ist das Projekt «Mirabau» in der Zürcher Innenstadt. Dort wurden ehemalige Bürogebäude in eine Mischung aus Wohnungen, Gewerbe und Grünflächen umgewandelt. Die Umnutzung von 5.000 Quadratmetern Bürofläche ermöglichte die Schaffung von 250 Wohnungen – ein Effizienzgewinn, der sonst Jahrzehnte dauern hätte. Solche Konzepte sind jedoch nicht nur in Zürich verbreitet. In Basel wurden 2022 rund 1.200 Wohnungen durch die Umnutzung von Industriegebäuden geschaffen, wobei die Stadt dabei besonders auf den Einsatz von Fassadenpaneelen setzte, die gleichzeitig als Wärmedämmung und Sonnenschutz dienen. Die Kosten für solche Umbauten liegen im Schnitt bei 2.500 bis 3.500 Franken pro Quadratmeter – deutlich günstiger als ein Neubau, der oft 5.000 bis 6.000 Franken pro Quadratmeter kostet. Doch der größte Vorteil ist die beschleunigte Verfügbarkeit: Während ein Neubau oft fünf bis sieben Jahre dauert, sind Umbauten in der Regel innerhalb von zwei Jahren fertig. hier zeigt, wie diese Dynamik in der Praxis funktioniert.
Die Rolle der Stadtplanung: Zwischen Tradition und Innovation
Doch trotz dieser Fortschritte bleibt die Stadtplanung in der Schweiz oft an veralteten Regeln fest. Ein zentrales Hindernis ist das Baugesetz, das besonders in Ballungsräumen wie Zürich oder Genf strenge Vorgaben für die Höhen und die Anzahl der Wohnungen festlegt. Laut einer Studie des Bundesamts für Raum- und Umwelt (ARE) aus 2023 wird nur etwa ein Drittel der benötigten Wohnungen durch Neubauten gedeckt – der Rest hängt von Umnutzungen oder der Ausweitung der Siedlungsflächen ab. Eine Lösung könnte die Einführung von «flexiblen Bebauungsplänen» sein, die nicht nur die Anzahl der Wohnungen, sondern auch die Art der Nutzung regeln. Ein Beispiel ist das Pilotprojekt in der Zürcher Altstadt, wo seit 2021 Gebäude erlaubt sind, die bis zu drei Stockwerke höher sind als bisher. Dies hat bereits zu einer Verdopplung der Umnutzungsrate geführt. Die Frage ist jedoch, ob solche Reformen schnell genug kommen, um den steigenden Bedarf zu decken.
- In Zürich wurden seit 2019 rund 1.800 Wohnungen durch Umnutzung geschaffen – ein Plus von 15 Prozent gegenüber den fünf Vorjahren.
- Die Kosten für die Umnutzung eines Bürogebäudes liegen im Schnitt bei 2.800 Franken pro Quadratmeter, während Neubauten 5.000 bis 6.000 Franken pro Quadratmeter kosten.
- Die Umnutzung von Industrieflächen in Basel ermöglichte 2022 die Schaffung von 1.200 Wohnungen – ein Rekord für die Stadt.
- Laut ARE werden nur etwa ein Drittel der benötigten Wohnungen in der Schweiz durch Neubauten gedeckt.
- Die Einführung flexibler Bebauungspläne in Zürich führte zu einer Verdopplung der Umnutzungsrate seit 2021.
Die Herausforderungen: Politik und Akzeptanz
Doch selbst wenn die technischen Lösungen vorhanden sind, fehlt oft die politische Entschlossenheit. Ein Beispiel ist die Debatte um die Ausdehnung der Stadtgrenzen, die in Zürich seit Jahren blockiert ist. Die Bevölkerung zeigt sich zwar offen für mehr Wohnraum, doch die Angst vor Überbausung und die Forderung nach mehr Grünflächen halten viele Gemeinden davon ab, neue Siedlungsflächen zu öffnen. Gleichzeitig fehlt es an klaren Leitlinien, wie die Umnutzung von Gebäuden gesteuert werden soll. Ein weiteres Problem ist die mangelnde Koordination zwischen den Kantonen und Gemeinden, was zu unterschiedlichen Regeln und einer langsamen Umsetzung führt. Eine Lösung könnte die Einführung eines «Wohnungsbau-Fonds», der gezielt in Umnutzungsprojekte investiert, sein. Solche Fonds existieren bereits in einigen europäischen Städten, etwa in Amsterdam, wo sie seit 2018 rund 10.000 Wohnungen in Umnutzungen ermöglicht haben.
Die Zukunft des Wohnens in der Schweiz wird also nicht nur von der Anzahl der Wohnungen abhängen, sondern davon, wie wir Gebäude nutzen, planen und politisch gestalten. Die Beispiele aus Zürich und Basel zeigen, dass es Wege gibt, die Knappheit zu überwinden – doch der Weg ist lang und erfordert Mut, Flexibilität und eine neue Denkweise. hier zeigt, wie sich diese Debatte in der Praxis entfaltet.
